Washingtons neue Iran-Politik
Die diplomatischen Bemühungen um die Beendigung der iranischen Atomkrise könnten zur Wasserscheide für die internationale Politik werden. Sollte der jüngste Verhandlungsvorschlag scheitern, drohen dramatische Konsequenzen: Der Atomwaffensperrvertrag, der unterm Strich die Verbreitung neuer Nuklearwaffenstaaten erschwert hat, würde in absehbarer Zeit wertlos. Weitere Länder im Nahen und Mittleren Osten wie Ägypten oder Saudi-Arabien dürften dann ebenfalls nach Atomwaffen streben. Die Folgen wären ein Rüstungswettlauf und zahlreiche Instabilitäten in den regionalen Beziehungen. Sollte es hingegen gelingen, den Iran an den Verhandlungstisch zurückzubringen und am Ende ein akzeptables Ergebnis zu erreichen, könnten weitere Krisen in der Region und darüber hinaus geregelt werden. Das ist die Alternative. Das tief greifende Ereignis der vergangenen Wochen ist allerdings die Rückkehr der US-Außenpolitik zu Diplomatie, friedlicher Koexistenz und Geduld. Die indirekte Anerkennung des politischen Systems des Iran und damit die Abkehr von der "Achse des Bösen" symbolisieren einen grundlegenden Wandel. Bisher hatten die USA abseits gestanden. Dabei ist die Weltmacht durch ihre militärische Präsenz, aber vor allem durch gemeinsame historische Erfahrungen und Verletzungen die Bezugsgröße für die iranische Politik. Seit einigen Jahren plädieren europäische Politiker nachdrücklich für eine aktive diplomatische Rolle der USA, zuletzt Außenminister Frank-Walter Steinmeier.(...)
Veröffentlicht:
Kölner Stadt-Anzeiger, 14.06.2006