"Den Frieden befördern - Politische Gefangene in Israel freilassen"

Liebe Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

In der Tat wird mit dem Antrag ein richtiges Anliegen und ein Punkt angesprochen, mit dem man sich in demokratischen Rechtsstaaten wird auseinandersetzen müssen und auch dürfen. Insbesondere ist es wichtig, dass internationale Organisationen, auch die Vereinten Nationen, das getan haben. Deswegen fordern auch wir, die SPD-Bundestagsfraktion, dass die Genfer Konvention beachtet wird, der Zugang des Roten Kreuzes zu den Gefängnissen gewährleistet wird und die Möglichkeiten, die den Vereinten Nationen in dieser Situation zur Verfügung stehen, genutzt werden.

Auf der anderen Seite muss ich Ihnen sagen - ich will versuchen, das ruhig zu tun -, dass ich glaube, dass Ihr Antrag durchaus auch im Zusammenhang mit Ihrem Abstimmungsverhalten bezüglich der Freilassung von Schalit steht. Das wissen Sie, und das werden Sie nicht in Abrede stellen können. In Ihrem Antrag, in dem es um politische Gefangene geht, zeichnen Sie ein sehr einseitiges Bild von Israel, aber auch von Palästina. Was Nichtregierungsorganisationen, insbesondere palästinensische Nichtregierungsorganisationen, Ihnen vormachen, ist, dass beide Dinge in den Blick genommen werden müssen. Dort gibt es zum Beispiel die palästinensische Menschenrechtsorganisation Addameer, die sich sowohl um die in Israel einsitzenden politischen Gefangenen kümmert, aber gleichzeitig auch über die politischen Gefangenen in Palästina spricht, insbesondere darüber, was sowohl bei der Hamas als auch bei der Fatah passiert ist, nämlich dass es dort auch politische Gefangene gibt. Wenn man schon versucht, ein solches Thema für eine politische Debatte aufzubringen, die sinnvoll ist und mit der versucht wird, auf beiden Seiten Änderungen zu erreichen - das wollen Sie, das wollen auch wir -, dann hätte man dieses Thema auch ansprechen sollen. Ich finde, an dieser Stelle haben Sie eine Chance vertan.

Auch - hierüber sollten Sie noch einmal nachdenken; ich weiß gar nicht, ob Sie das in Abrede stellen wollen - müssen Sie anerkennen, dass Israel in der Region weiterhin ein Rechtsstaat ist. Insbesondere im Verhältnis zu Israel darf es nicht nur Schwarz-Weiß-Malerei geben.

Auch Palästinenser haben vor israelischen Gerichten recht bekommen. Dieses Recht ist dann unter schwierigen Bedingungen durchgesetzt worden. Auch das gehört zur Realität dazu. Wenn man sich einer so schwierigen Debatte um die Rechtsstaatlichkeit und um die Frage des Völkerrechts stellt, dann müssen auch diese rechtsstaatlichen Institutionen, worauf auch Palästinenser zugehen könnten, in einer solchen Debatte angesprochen werden.

Sie wissen aus den Diskussionen, die wir im Auswärtigen Ausschuss führen, dass es ein Problem ist, wenn einem Staat die Existenz durch andere abgesprochen wird. Es kann sogar sein, dass dieser Staat möglicherweise Handlungen unternimmt, die wir nicht für richtig halten.

Das ist ein großes Problem, was diesen Konflikt in der Region ausmacht. Deswegen wäre es gut, wenn wir hier von der Schwarz-Weiß-Malerei absähen und uns den positiven Aspekten aus den letzten Tagen stellten.

Dann möchte ich noch sagen, dass die arabische Friedensinitiative, die 2001/2002 vom saudi-arabischen König, aber auch von anderen arabischen Regierungschefs vorgestellt worden ist, möglicherweise wieder eine Substanz in der politischen Diskussion bekommt. Viele nehmen diese arabische Friedensinitiative wieder so ernst, wie sie es verdient, nämlich dass die arabischen Staaten Israel Frieden in den Grenzen von 1967 garantieren. Das ist ein wichtiger Aspekt.

Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass diese Debatte sogar innerhalb der Hamas eine Rolle spielt.

(Beifall der Abg. Mechthild Rawert [SPD])

Gestern hat Regierungschef Hanija gesagt, auch die Hamas würde sich einem in einer Volksabstimmung der palästinensischen Bevölkerung erlangten Votum beugen, wenn diese Volksabstimmung das Existenzrecht Israels zum Schluss zum Ergebnis habe. Ich finde, diese Debatten werden wir in die europäische Politik, die deutsche Politik, die deutsche Außenpolitik im Nahen und Mittleren Osten aufnehmen müssen. Deswegen bin ich der Bundesregierung dankbar dafür, dass sie mit anderen Partnern innerhalb der Europäischen Union genau das kritisiert, was von Israel immer wieder als Friedenshindernis in den Weg gestellt wird, nämlich der Siedlungsbau. Genau dieser Punkt gehört mit dazu. Dazu gehört auch der Mut - darin unterstützen wir Sie -, dass das immer wieder angesprochen wird.

Die Reise des Bundesaußenministers in den Gazastreifen ist richtig gewesen. Dennoch werden wir nicht umhinkommen, Frau Staatsministerin, dass Sie dem deutschen Parlament gegenüber zumindest andeuten müssen, was aus diesem Besuch erfolgt; denn das Problem ist doch, was die Nichtregierungsorganisationen in ihrem gemeinsamen Bericht über die Situation im Gazastreifen berichtet haben. Die humanitäre Situation ist weiterhin eine Katastrophe.

(Beifall der Abg. Mechthild Rawert [SPD])

Deswegen muss der Boykott, muss die Blockade gegenüber dem Gazastreifen aufgehoben werden. Genau das gehört zu einer realistischen Politik, die auch hier eine Rolle hätte spielen müssen.

(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Kollege Mißfelder, der Bundespräsident hat in der Tat die richtigen Worte gefunden. Ich finde es auch richtig, dass er die Angehörigen von Schalit besucht hat. Ich glaube, das war auch in unser aller Namen. Schließlich haben wir hier im Bundestag gemeinsam einen Antrag beschlossen, in dem die Freilassung des Soldaten Schalit gefordert wird. Die Botschaften waren also richtig. Wir hier im Deutschen Bundestag und, ich glaube, insbesondere die europäischen Regierungen sind jetzt stärker gefordert. Nach den Kongresswahlen in den USA - die Befürchtungen sind offensichtlich Realität geworden - haben der amerikanische Präsident und die amerikanische Außenministerin nicht mehr die Unterstützung für eine Friedensinitiative für den Nahen und den Mittleren Osten. Möglicherweise müssen sie nun von der Europäischen Union ? auch von der deutschen Außenpolitik ? stärker unterstützt werden. Sie hätten die Unterstützung der SPD-Bundestagsfraktion und, ich glaube, des gesamten Hauses.

Vielen Dank.
 

Autor: 
Von Rolf Mützenich
Veröffentlicht: 
Berlin, 02.12.2010
Thema: 
Plenarrede zum Antrag der Fraktion Die LINKE