Kein Land in Sicht

Der Hö­he­punkt im Jah­res­ka­len­der ei­nes or­dent­li­chen „See­hei­mers“ ist die be­rühmt-be­rüch­tig­te „Spar­gel­fahrt“ auf dem Wann­see. Sie fin­det meis­tens bei schö­nem Wet­ter statt, was die See­hei­mer der Viel­zahl ih­rer gu­ten Ta­ten eben­falls selbst­be­wusst zu­rech­nen. Wenn der Aus­flugs­damp­fer „MS Ha­vel Queen“ ab­legt, schlägt dann die gro­ße Stun­de von Jo­han­nes Kahrs. Kahrs ist der Co-Chef die­ses Zu­sam­men­schlus­ses re­gie­rungs­freu­di­ger, prag­ma­ti­scher So­zi­al­de­mo­kra­ten in der SPD-Frak­ti­on – und er weiß die Tat­sa­che zu nut­zen, dass sei­ner mar­ki­gen Macht­de­mons­tra­ti­on man nur noch schwim­mend ent­kom­men kann. Au­ßer­dem ist Kahrs ein ent­schei­den­der Ab­ge­ord­ne­ter im Haus­halts­aus­schuss und für man­che Wahl­kreis­ab­ge­ord­ne­ten ist ein gu­ter Draht zu ihm ei­ne sehr loh­nen­de Sa­che.

Oh­ne die „See­hei­mer“ läuft nach sei­ner Mei­nung in der Frak­ti­on je­den­falls gar nichts. Dies­mal al­ler­dings hat­te Kahrs dem Ein­druck ent­ge­gen­zu­tre­ten, auch bei den See­hei­mern sei in der so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Frak­ti­on nur noch we­nig los, nach­dem man so­eben mit of­fen­bar ver­ein­ten Kräf­ten die Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de An­drea Nah­les ge­stürzt hat­te. Die Ak­ti­on war so rasch über die Büh­ne ge­gan­gen, dass die Zeit nicht ein­mal aus­ge­reicht hat­te, das Pro­gramm­heft und die Gruß­wor­te zu än­dern.

So lä­chel­te den sechs Dut­zend Ab­ge­ord­ne­ten, Mit­ar­bei­tern und Jour­na­lis­ten am Diens­tag­abend hun­dert­fach An­drea Nah­les aus ei­ner Bro­schü­re ent­ge­gen. Ihr Gruß­wort dort war, wie üb­lich, mit ma­ri­ti­men Ver­glei­chen de­ko­riert. Die SPD sei „mit der MS Gro­ko“ vor ei­nem Jahr „mit Voll­dampf in See ge­sto­chen“, man sei dem Ziel trotz Un­tie­fen und Wel­len nä­her ge­kom­men, die Par­tei hal­te das Ru­der in der Hand und so wei­ter. In­zwi­schen wa­ren die Me­ta­phern bei den meis­ten auf See­not, Un­ter­gang und Ti­ta­nic um­ge­stellt. Et­li­che Ab­ge­ord­ne­te hat­ten sich schwe­ren Her­zens an Bord ge­schleppt, ge­zeich­net von Er­eig­nis­sen, die sie ei­gent­lich her­bei­ge­wünscht hat­ten. Kahrs wä­re aber nicht er selbst, wenn er den Kol­le­gen und den vie­len jun­gen Mit­ar­bei­tern nicht mit ei­ner Art Heer­füh­reran­spra­che Mut ge­macht hät­te. Die See­hei­mer sei­en der sta­bi­le Teil der SPD, nach stür­mi­schen Ta­gen sei der See nun spie­gel­glatt und sei­ne po­li­ti­sche Trup­pe „die Säu­len der Ver­an­stal­tung“.

Pas­send zur Stim­mung er­in­ner­te ei­ne der drei der­zei­ti­gen Über­gangs­vor­sit­zen­den der Par­tei, Ma­nue­la Schwe­sig: „Wir sit­zen hier al­le in ei­nem Boot.“ Es sei­en schwie­ri­ge und be­drü­cken­de Ta­ge, aber wenn die Mann­schaft zu­sam­men­hal­te, kom­me man auch durch die­sen Sturm ganz gut. Das Schiff hat­te in­zwi­schen die Pfau­en­in­sel er­reicht, die ers­ten Wein­fla­schen ka­men auf die Ti­sche, aus der Zapf­an­la­ge perl­te kal­tes Bier, die Stim­mung hob sich ganz lang­sam von tie­fer De­pres­si­on zu Me­lan­cho­lie. Den­noch war die Ab­we­sen­de noch ein­mal sehr an­we­send.

Weil es bei den ei­ge­nen Leu­ten im­mer gut an­kommt, wenn man auf Drit­te zeigt, mahn­te der Über­gangs­vor­sit­zen­de der Bun­des­tags­frak­ti­on, Rolf Müt­zenich, die Pres­se zur mensch­li­chen Zu­rück­hal­tung ge­gen­über Nah­les. Das soll­te klar sein, bloß es aus­ge­rech­net aus der SPD zu hö­ren, schien doch selt­sam. Eben­so Müt­zenichs Bit­te, man mö­ge nicht mehr wei­ter­erzäh­len, wie es in den Frak­ti­ons­sit­zun­gen zu­ge­he. Dort hat­te Nah­les zu­letzt tat­säch­lich die schlimms­ten Stun­den ih­rer Kar­rie­re er­lebt. Jetzt schäm­ten sich man­che wohl da­für. Und dann füg­te Müt­zenich noch hin­zu, man mö­ge sich ihm nicht per Twit­ter nä­hern, da sei er nicht, son­dern ihm schrei­ben oder mit ihm re­den. Al­les wer­de oh­ne­hin et­was dau­ern, so sei sein Ge­fühl. Dar­an könn­te man die Fra­ge knüp­fen, ob Müt­zenich im Lau­fe der Über­gangs­zeit für die Dau­er Ge­fal­len an sei­nem neu­en Amt fin­den könn­te. Wie­der ei­ne Vor­sit­zen­de ge­stürzt, wie­der ein Tief­punkt er­reicht, wie­der ein Neu­an­fang, ei­ne Er­neue­rung not­wen­dig.

Der Ein­zi­ge, der halb­wegs ge­fasst er­schien, war Ge­ne­ral­se­kre­tär Lars Kling­beil, dem al­les rund um das Wort „Er­neue­rung“ zum po­li­ti­schen Le­bens­werk wird. Jetzt ist er aufs Neue mit der Er­neue­rung der Par­tei­füh­rung be­schäf­tigt, und es ver­dich­ten sich die An­zei­chen, dass die SPD ganz un­ab­hän­gig von der La­ge des Lan­des, des Kon­ti­nents oder gar der Welt sich da­für aber­mals sehr, sehr viel Zeit neh­men wird. Es wä­re dann das drit­te Jahr in Fol­ge, das die Par­tei mit den Kri­sen ih­rer selbst ver­bringt, und aber­mals soll es in­no­va­ti­ve Mit­glie­der­be­tei­li­gungs­for­men ge­ben: Ur­wah­len, Dop­pel­spit­zen-De­bat­ten, ein zu­tiefst ba­sis­de­mo­kra­ti­sches Kan­di­da­ten­aus­wahl­ver­fah­ren, zu dem sich je­der und je­de zu Wort mel­den kann.

Ei­ner der we­ni­gen, die die Er­for­der­nis­se der Po­li­tik nicht ganz aus dem Blick zu ver­lie­ren schei­nen, war Olaf Scholz, Fi­nanz­mi­nis­ter und Vi­ze­kanz­ler. Scholz, der aus Ham­burg stammt, ver­zich­te­te auf ma­ri­ti­me Witz­chen und kam zur Sa­che: Auf­ga­be sei es zu zei­gen, wie sich das Land bes­ser ent­wi­ckeln kön­ne und dass die deut­sche So­zi­al­de­mo­kra­tie da­für un­be­dingt ge­braucht wer­de. Die SPD sei die Par­tei des Fort­schritts, aber auch fai­rer Chan­cen und der Si­cher­heit. So­zi­al­de­mo­kra­ten sei­en Eu­ro­pä­er, und das nicht bloß aus ei­ner Fei­er­lich­keit her­aus, son­dern weil sich in Eu­ro­pa auch die Zu­kunft Deutsch­lands ent­schei­de. So re­de­te er ei­ne Vier­tel­stun­de lang, fast klang es wie ein Wahl­kampf­auf­takt. An­ders als man­che an­de­re in der Par­tei ver­such­te Scholz gar nicht erst, die Mit­leids­wel­le zu sur­fen, die Nah­les nun aus der Po­li­tik spült. Was nicht be­deu­tet, dass es Scholz nicht schmerzt, wie die Sa­che ab­ge­lau­fen ist.

Im­mer­hin wa­ren er und Nah­les als ein Team an­ge­tre­ten – sie als Ma­che­rin au­ßer­halb der Re­gie­rung, er als Ma­cher im Amt. Es ist an­ders ge­kom­men. Den­noch glaubt Scholz, wie er in ei­nem In­ter­view mit dem Ma­ga­zin „Stern“ sag­te, dass die SPD auch zur nächs­ten Wahl ei­nen Kanz­ler­kan­di­da­ten stel­len müs­se. „Die Chan­ce, stärks­te Par­tei zu wer­den, ist bei der nächs­ten Bun­des­tags­wahl deut­lich grö­ßer als in vie­len Jah­ren zu­vor“, sag­te er und füg­te hin­zu: „Wir dür­fen uns nicht klei­ner ma­chen, als wir sind.“

Nach ih­rem kur­zen Ab­schied von der Frak­ti­on am Diens­tag war Nah­les ge­gan­gen. Sie hat­te in der Sit­zung ei­ne kur­ze, lei­se Re­de ge­hal­ten und sich bei den­je­ni­gen be­dankt, die ihr in den ver­gan­ge­nen Wo­chen Rück­halt ge­ge­ben hät­ten. Zu­vor hat­ten sich an­de­re zu Wort ge­mel­det, auch Sig­mar Ga­bri­el, die nach Aus­kunft von Teil­neh­mern für ih­re Dar­le­gun­gen zur welt­po­li­ti­schen La­ge im All­ge­mei­nen und der SPD im Be­son­de­ren we­nig Bei­fall er­hiel­ten.

Nah­les wird wohl im Lau­fe des Jah­res noch ihr Bun­des­tags­man­dat nie­der­le­gen. In ih­rer Re­de hat­te sie da­von ge­spro­chen, dass sie die Po­li­tik ver­las­sen wer­de, aber nicht die SPD. Müt­zenich nann­te das auf der „Ha­vel Queen“ ei­nen „gro­ßen Satz“, wor­aus man nur schlie­ßen konn­te, dass zum Ver­bleib in der Par­tei der­zeit ei­ne ganz au­ßer­or­dent­li­che Cha­rak­ter­stär­ke ge­hö­ren muss.

Autor: 
Von Pe­ter Cars­tens
Veröffentlicht: 
FAZ, 06.06.2019
Thema: 
Die Stim­mung in der SPD ist ge­drückt bis de­pres­siv, seit Nah­les ge­gan­gen ist. Mal wie­der muss sich die Par­tei er­neu­ern. Wer wird die­sen Pro­zess lei­ten?