Die Bomben von Büchel

Rückkehr der Kalten Krieger: Nach der Aufkündigung des INF-Vertrags droht ein neues Wettrüsten. Auch die US-Atomwaffen in Deutschland rücken plötzlich wieder in den Fokus.

In der eigentlich so beschaulichen Vulkaneifel wird ein Staatsgeheimnis gehütet. Offiziell gibt die Bundesregierung kein Detail darüber preis. Selbst der Bundestag bekommt keine Informationen, im Weißbuch der Regierung, einer Art Bibel der Sicherheitspolitik, sucht man vergebens nach Hinweisen.

Dabei ist es ein ziemlich offenes Geheimnis: Hier, auf einem Fliegerhorst der deutschen Luftwaffe im rheinland-pfälzischen 1100-Einwohner-Ort Büchel, zwischen Koblenz und der Grenze zu Belgien und Luxemburg, lagern in unterirdischen Bunkern etwa 20 Atombomben vom Typ B-61, jede mit einer Sprengkraft von etwa 50 Kilotonnen. Zum Vergleich: Die Hiroshima-Atombombe hatte eine Sprengkraft von weniger als 15 Kilotonnen.

Die Bomben gehören den USA, Überbleibsel des Kalten Krieges, über die sich kaum noch jemand aufgeregt hat.

Doch nun werden Erinnerungen an dunkle Zeiten wach. Nachdem die USA und in der Folge auch Russland den INF-Vertrag über das Verbot von Mittelstreckenwaffen ("Intermediate Range Nuclear Forces") aufgekündigt haben, droht ein neuer Rüstungswettlauf - und in diesem Zusammenhang auch eine Debatte über die Stationierung neuer Atomwaffen in Europa, und damit womöglich in Deutschland.

Initiativen zum Abzug scheiterten

Die US-Waffen in Büchel sind eingebettet in das Konzept der nuklearen Teilhabe, wie es die Militärbürokraten der Nato nennen. Die nukleare Teilhabe, in die auch andere Nicht-Atomwaffen-Staaten wie Italien, Belgien, die Niederlande und die Türkei eingebunden sind, gehört zur Abschreckungspolitik des Verteidigungsbündnisses: Die Bomben werden von US-Streitkräften kontrolliert, im Ernstfall aber würden sie durch deutsche "Tornado"-Kampfjets im Zielgebiet abgeworfen.

In der Vergangenheit gab es immer mal wieder politische Initiativen, um die USA zum Abzug dieser Bomben zu bewegen. Linke und Grüne sind ohnehin dafür, FDP-Politiker Guido Westerwelle aber setzte sich dieses Ziel als Außenminister der schwarz-gelben Koalition - und scheiterte. Zuletzt wärmte der SPD-Politiker Martin Schulz die Forderung als Kanzlerkandidat im Wahlkampf 2017 wieder auf. Doch die Union ließ sich nicht beeindrucken, im Koalitionsvertrag heißt es nur: "Erfolgreiche Abrüstungsgespräche schaffen die Voraussetzung für einen Abzug der in Deutschland und Europa stationierten taktischen Nuklearwaffen."

Von erfolgreichen Abrüstungsgesprächen ist man nun weit entfernt, Russland kündigte inzwischen an, die Entwicklung einer neuen atomaren Mittelstreckenrakete voranzutreiben. In Deutschland befürchtet mancher, dass die Amerikaner im Zuge eines neuen Wettrüstens ihr Abschreckungsarsenal in Europa ausbauen wollen. Außenminister Heiko Maas (SPD) warnte vorsorglich: "Nukleare Mittelstreckenraketen in Europa wären jetzt die falsche Antwort. Wir können Feuer nicht mit Öl bekämpfen." SPD-Chefin Andrea Nahles erklärte via Twitter:

„Wir dürfen keine neue Rüstungsspirale zulassen. Die Stationierung von nuklearen Mittelstreckenraketen in Europa, in Deutschland kann nicht die Antwort sein. Wir brauchen Abrüstung, statt Aufrüstung. #INFVertrag“

Die Union hält solche Rufe für naiv und warnt vor einem deutschen Sonderweg. CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak betonte, Deutschland müsse "deutlich machen, dass alle Optionen auf dem Tisch bleiben". Der CDU-Außenexperte Roderich Kiesewetter sprach in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" sogar davon, dass die Nato einen "Doppelbeschluss" erwägen müsse: Auf der einen Seite müsse die Allianz "Russland ein Verifikationsregime anbieten", auf der anderen dazu bereit sein, "konventionell und nuklear dagegenzuhalten".

Im Dorf werden die Bomben "Eier" genannt

Klingt nach Kaltem Krieg. Der Nato-Doppelbeschluss von 1979 sah Gespräche zwischen den damaligen Supermächten USA und Sowjetunion über die Rüstungskontrolle vor, aber eben auch die Drohung, neue Atomraketen in Westeuropa zu stationieren. Es war die Geburtsstunde der Friedensbewegung, in Deutschland gingen Anfang der Achtzigerjahre Hunderttausende auf die Straße, um gegen die Aufrüstung mit Pershing-II-Raketen zu demonstrieren. Das Thema ist also historisch und emotional aufgeladen - könnte es nun eine Renaissance der Friedensbewegung geben, wie sie Niedersachsens SPD-Ministerpräsident Stephan Weil bereist fordert?

Nach der Wiedervereinigung waren die meisten der US-Atomwaffen aus Deutschland abgezogen worden, mit den verbliebenen Sprengköpfen in Büchel hatte sich die Öffentlichkeit arrangiert - womöglich ist ihre Existenz vielen gar nicht mehr bewusst. Nur noch wenige Demonstranten standen zuletzt immer wieder mal vor dem Fliegerhorst.

Im Ort nennen sie die Atombomben fast liebevoll "Eier". Dabei lagern diese bedrohlich nah am Ortskern. Nur rund einen Kilometer entfernt sind rechts und links der Startbahn des Fliegerhorstes im Kreis gut zehn kleine Hangars aneinandergereiht. Darin können US-Techniker nach einem entsprechenden Befehl unterirdische Silos direkt unter den Tragflächen der "Tornados" öffnen und die rund dreieinhalb Meter langen Raketen an den Kampfjets anbringen.

Das Gelände wird streng bewacht, die Luftwaffe hat eine spezielle Sicherungsstaffel in Büchel stationiert. Daher sorgte es auch für Aufsehen, als es im vergangenen Jahr einigen Aktivisten gelang, durch einen Zaun in den Sicherheitsbereich vorzudringen. Das direkte Umfeld der Silos wird durch US-Soldaten gesichert. Die schweren Metallklappen über den Waffenlagern, in Büchel "Grüfte" genannt, lassen sich nur mit einem speziellen Code öffnen, der bei einem Angriffsbefehl übermittelt würde.

Wer soll den "Tornados" nachfolgen?

Für die Zukunft der nuklearen Teilhabe Deutschlands stellt sich aktuell aber eine ganz praktische Frage: Die "Tornado"-Jets, die als Atombomber eingesetzt werden könnten, sind altersschwach. Mit ihrer Ausmusterung soll bald begonnen werden. Das Verteidigungsministerium prüft nun geeignete Nachfolger: den "Eurofighter" als EU-Kooperationsprojekt und den amerikanischen Kampfjet F-18.

Da die USA die Technik der Jets zum Abwurf der eigenen Atombomben zertifizieren müssen, wird im Haus von Ministerin Ursula von der Leyen die F-18 favorisiert. Doch in der SPD winkt man ab - und stellt einen Zusammenhang zur neuen Rüstungsdebatte her.

In der angespannten sicherheitspolitischen Lage sei die Anschaffung eines neuen atomwaffenfähigen Flugzeugs ein falsches Signal, sagte SPD-Fraktionsvize Rolf Mützenich jüngst dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Und wenn die USA ihre Atomwaffen abziehen würden, wenn es keine deutschen Transportflieger mehr gibt? Kein Drama, befand Mützenich - in der Nato könne man auch ohne Atomwaffen bei der nuklearen Planung mitreden.

Autor: 
Von Matthias Gebauer und Philipp Wittrock
Veröffentlicht: 
Spiegel online, 06.02.2019
Thema: 
US-Nuklearwaffen in Deutschland