Verhaftet, vergessen

Die Inhaftierung des Kölner Journalisten Adil Demirci sorgt in Deutschland für wenig Empörung – und die Bundesregierung verhält sich still.

Die Familie Demirci glaubte, das Schlimmste hinter sich zu haben, als Mutter und Sohn im vergangenen Frühjahr aus Köln in die Türkei reisten. Elif Demirci, 64, war ein Jahr zuvor an Krebs erkrankt. Sie hatte gerade eine Chemotherapie abgeschlossen. Nun wollte sie sich bei ihrem Bruder in Istanbul erholen – weil sie noch schwach war, beschloss ihr Sohn Adil, 33, sie zu begleiten.

Mutter und Sohn reisten am 7. April 2018 in die Türkei ein, sie verbrachten eine knappe Woche in Istanbul. Adil Demirci hatte bereits die Koffer für den Rückflug gepackt, als am Morgen des 13. April Polizisten die Wohnung seines Onkels stürmten. Sie richteten Maschinengewehre auf ihn, nahmen ihn fest und brachten ihn auf die Polizeiwache.

Die Reise endete für Adil Demirci im Hochsicherheitsgefängnis von Silivri bei Istanbul, in dem auch der Journalist Deniz Yücel und der Menschenrechtler Peter Steudtner eingesessen hatten.

Für Yücel waren in Deutschland Zehntausende Menschen auf die Straße gegangen. Seine Ehefrau wurde von Kanzlerin Angela Merkel in Berlin empfangen. Als im Juli 2017 Peter Steudtner festgenommen wurde, brach der damalige Außenminister Sigmar Gabriel seinen Urlaub ab.

Am Schicksal von Adil Demirci nehmen die Deutschen kaum Anteil. Weder Merkel noch Außenminister Heiko Maas haben sich bislang zu dem Fall öffentlich geäußert. Nach wie vor befinden sich neben Demirci mindestens vier weitere Deutsche aus politischen Gründen in der Türkei im Gefängnis. Die Bundesregierung, so scheint es, hat sich damit abgefunden, dass deutsche Staatsbürger in der Türkei aus politischen Motiven festgesetzt werden.

Die Behörden werfen Adil Demirci vor, Mitglied der Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP) zu sein, die vom türkischen Staat als Terrororganisation eingestuft wird. Am 14. Februar wird in Istanbul der Prozess gegen ihn fortgesetzt.

An einem Januarnachmittag, wenige Wochen vor dem Prozesstermin, sitzt Elif Demirci gemeinsam mit ihrem jüngeren Sohn Tamer in einem Café in Köln-Mülheim. Ihr Gesundheitszustand hat sich nach Adils Verhaftung deutlich verschlechtert. Ihre Wangen sind eingefallen, ihre Augen müde. Lange Zeit hoffte sie, dass die Bundesregierung den Fall im Stillen lösen würde. Sie macht sich Vorwürfe, ihren Sohn überhaupt in die Türkei mitgenommen zu haben. "Er ist nur meinetwegen nach Istanbul gereist. Und nun sitzt er im Gefängnis", sagt sie.

Die Demircis waren in den Achtzigerjahren aus der Türkei nach Deutschland eingewandert. Adil Demirci hatte 2014 einige Monate in der Türkei gelebt, bevor er beim Internationalen Bund in Köln als Sozialarbeiter anheuerte. Daneben schrieb er Texte für "Etha" – das ist jene linke, türkische Nachrichtenagentur, für die auch die Ulmer Journalistin Meşale Tolu arbeitete, die im April 2017 in der Türkei festgenommen wurde.

Adil Demirci wusste, dass die Türkei für Mitarbeiter von regierungskritischen Medien gefährlich ist. Doch er hatte für "Etha" über Deutschland und Europa berichtet, fast nie über türkische Politik, sagt sein Bruder. Er besitzt neben dem türkischen auch einen deutschen Pass. Er hielt das Risiko für überschaubar.

Die türkische Justiz hat bislang keinerlei Beweise erbracht, dass sich Adil Demirci für die MLKP engagiert hat. In der Anklageschrift wird ihm zur Last gelegt, dass er in den Jahren 2014 und 2015 an drei Beerdigungen mutmaßlicher MLKP-Mitglieder teilgenommen hat. Demirci hatte darüber für "Etha" berichtet.

Zum Prozessauftakt im November wurden sechs Personen, die gemeinsam mit Demirci angeklagt waren, aus der Untersuchungshaft entlassen, der Deutsche hingegen nicht. Demircis Anwalt, Keleş Öztürk, glaubt, regierungskritische Deutschtürken sollten durch das Verfahren gezielt eingeschüchtert werden.

Demirci teilt sich in Silivri eine Zelle mit zwei jungen Männern. Er verfolgt – so berichtet es sein Bruder – eine strikte Routine: Er steht um sieben Uhr morgens auf, macht Sport, liest, schreibt Briefe. Einmal die Woche darf er für zehn Minuten mit Angehörigen telefonieren, meist spricht er mit seiner Mutter. Demircis größte Angst ist, dass seine Mutter stirbt, bevor er aus dem Gefängnis freikommt. "Es tut mir im Herzen weh, in dieser schwierigen Zeit nicht bei ihr sein zu können", schreibt er in einem Brief an den SPIEGEL.

Demircis Bruder Tamer, ein Informatiker, tut alles dafür, dass Adil nicht in Vergessenheit gerät. Er hält jeden Mittwochabend eine Mahnwache in Köln ab, so wie Adil das einst für seine Kollegin Meşale Tolu getan hat. In Köln erfahren die Demircis Zuspruch: Der Journalist Günter Wallraff setzt sich für Adil ein. Der Kölner Bundestagsabgeordnete Rolf Mützenich reiste zum Prozessauftakt nach Istanbul.

 Von der Bundesregierung fühlt sich die Familie hingegen im Stich gelassen. Es sei eine Bankrotterklärung, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier seinen türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdoğan trotz der Inhaftierung mehrerer deutscher Staatsbürger vergangenen Herbst als Staatsgast in Berlin empfangen habe, sagt Tamer Demirci. "Die Bundesregierung will ihr Verhältnis zum türkischen Regime normalisieren. Mein Bruder stört da nur.“

Autor: 
Von Maximilian Popp
Veröffentlicht: 
Der Spiegel, 09.02.2019
Thema: 
Türkeipolitik