Er blies schon den Roten Funken den Marsch

Köln - Bei der Bundestagswahl 1998 erzielte der SPD-Kandidat Konrad Gilges im Wahlkreis Köln III (Ehrenfeld, Nippes, Chorweiler) 52,1 Prozent der Erststimmen. Das waren 20 Prozent Vorsprung vor der CDU-Kandidatin Marlis Robels-Fröhlich. Aber damals noch war weder von den Geldgeschäften des ehemaligen Fraktionschefs, Oberstadtdirektors und OB-Kandidaten Klaus Heugel die Rede, noch von Müll-Kungeleien und Parteispenden, die Ex-Fraktionschef Norbert Rüther in U-Haft gebracht und die SPD seit dem Frühjahr 2002 in tiefe Depressionen gestürzt haben.

Werner Jung, der schon gewählte Wahlkreis-Kandidat für Köln III, räumte wegen der Rüther-Connection im Frühjahr 2002 seinen Platz, verließ gleich auch seine Partei. So wurde in einer Nachwahl per Kampfabstimmung als letzter Direktkandidat der NRW-SPD Rolf Mützenich,43, auf den Schild gehoben: ein promovierter Politologe, verheiratet, Vater zweier Kinder.

Seit einem Jahr leitet der Spätstarter das Büro von Landtagspräsident Ulrich Schmidt in Düsseldorf, zuvor hat er zuletzt als Planungschef im Arbeits- und Sozialministerium gearbeitet. Sein Büro im Landtag ist seit drei Wochen verwaist, und wenn das unwägbare Glück ihm beisteht, dann lohnt sich der Dauer-Einsatz, winkt ein Sitz im Deutschen Bundestag. Um den kämpft auch der Gegenkandidat, Rechtsanwalt Rolf Bietmann, derzeit noch CDU-Fraktionschef im Kölner Rat.

Rolf Mützenich wirft seine Herkunft in die Waagschale: Sohn eines Maschinenschlossers und einer Hausfrau, Ur-Kölner, als Jugendlicher bei den Falken, Nutznießer der SPD-Bildungspolitik, die Hauptschülern nach Klasse zehn den Zugang zum Abitur geöffnet hatte. Jetzt klappert er die Märkte ab, die Sommerfeste, die Kindergartenpartys. Schließlich sollen die Leute wissen, wer sich da als Kandidat der angeschlagenen SPD vorwagt. Seine Themen: "Neue Offenheit für Familien, Hilfen für pflegende Angehörige, solide Perspektiven für die Kranken- undSozialversicherung."

Dass er auch einen Lehrauftrag mit zwei Wochenstunden an der UniversitätKöln hat (Thema: Internationale Politik), mag seine Aussichten bei Studenten bessern. Dass er als jugendlicher Posaunist gemeinsam mit den heutigen Stars des Kölsch-Rock die Schulband in Poll verstärkt und beim Rosenmontagszug den Roten Funken den Marsch geblasen hat, könnte Pluspunkte bringen. Sicher auch, dass er nie eine Spendenquittung in der Hand hielt - und jetzt vom eigenen Konto zu den eigenen Wahlkampfkosten "zubuttert".

Autor: 
Von Peter Lamprecht
Veröffentlicht: 
Die Welt, 04.08.2002
Thema: 
Der letzte NRW-Direktkandidat geht ins Rennen: Rolf Mützenich ersetzt einen Mann der Rüther-Connection und will für die SPD den Wahlkreis Köln III erhalten