Rolf Mützenich (SPD): „Wir sollten uns nichts vormachen, es wird dauern“

Interview mit The European
Veröffentlicht: 
Theeuropean.de, 31.03.2020
Thema: 
Persönlicher Umgang mit der Corona-Krise

„The European“ hat in allen Bundestagsfraktionen nachgefragt: Wie gehen Abgeordnete mit Corona um? Wie hat sich ihr Alltag geändert? Haben sie Tipps für den Bürger? Und vor allem: Wann normalisiert sich unser Leben wieder? Hier antwortet Rolf Mützenich, Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion.

The European: Wir sind weitgehend gehalten, unsere vier Wände nicht zu verlassen und uns maximal gemeinsam mit den Menschen aus unserem Haushalt draußen aufzuhalten. Sind Sie zufrieden mit der Disziplin, mit der offenkundig die meisten Mitmenschen das Kontaktverbot befolgen? Oder sind Sie besorgt, dass wegen des Regelbruchs durch einzelne letztlich Ausgangssperren kommen müssen?

Rolf Mützenich: Die Corona-Krise ist die größte Herausforderung im Nachkriegs-Deutschland für unsere Gesellschaft und jeden Einzelnen. Es geht um das Leben und die Gesundheit der eigenen Familie, der Freunde und Nachbarn, der Kolleginnen und Kollegen. Das haben, glaube ich, alle verstanden.  Nach meinem Eindruck halten sich die allermeisten Bürgerinnen und Bürger an die Regeln, die durch die Überschrift „Kontaktverbot“ zusammengefasst sind. Deswegen bin ich guter Hoffnung, dass wir um Ausgangssperren herumkommen, auch wenn niemand sie als letztes Mittel ausschließen kann. In ein paar Tagen werden wir abschätzen können, ob die jetzigen Maßnahmen die Ausbreitung des Virus wirken. Je konsequenter wir uns jetzt an die Regeln halten, desto eher werden wir uns in die Normalität zurückbewegen können.

The European: Politiker haben gewöhnlich viele Termine, nun aber sind auch Sie gezwungen, viel Zeit daheim zu verbringen. Haben Sie aus den ersten Tagen Tipps für Ihre Mitmenschen zur Hand? Welches Buch sollte man lesen, welchen Film schauen, welcher Musik lauschen, welchem Hobby frönen?

Rolf Mützenich: Auch wenn ich immer wieder für einige Tage nach Berlin muss, enthält mein Kalender natürlich viel weniger Termine, bei denen ich anwesend sein muss. Fast alle Besprechungen werden derzeit in telefonischen Konferenzen geführt, was nicht immer bedeutet, dass es schneller geht. Und natürlich hat es bei dem riesigen, beispiellosen Hilfsprogramm, das wir in wenigen Tagen zum Schutz der Menschen, aber auch zum Schutz der Unternehmen und Arbeitsplätze entwickelt haben, sehr viel Beratungsbedarf gegeben. Insofern hat zwar mein Bewegungsradius deutlich abgenommen, aber einen großen Zeitgewinn gab es nicht. Und wenn doch etwas Luft ist, etwa während der Fahrten von und nach Berlin, lese ich gerade „Der kalte Krieg – Eine Weltgeschichte“ des norwegischen Historikers Arne Odd Westad – wirklich sehr empfehlenswert.

The European: Wie lange wird es dauern, bis Deutschland zur weitgehenden Normalität zurückkehren, Kinder wieder zur Schule gehen und wir alle uns abends in Kneipen, bei Sportveranstaltungen oder in Konzerten und Theatern treffen können?

Rolf Mützenich: Zum jetzigen Zeitpunkt ist es ein Blick in die Glaskugel, wann wir das nächste Mal in eine Kneipe oder zum Fußball gehen können. Wir sollten uns aber nichts vormachen: Das wird dauern. Bevor wir uns darauf freuen können, sollten wir an die denken, die besonders Hilfe brauchen. Es wird viele Menschen geben, die großes Leid erfahren. Weil wir Trost aber nicht durch unsere Anwesenheit spenden können, müssen wir auf die E-Mail, das gute alte Telefon oder vielleicht sogar den Brief zurückgreifen. Trotz Abstand zusammenstehen, darauf kommt es jetzt an.