"Der Fußballtrainer ist auf das Zusammenspiel mit seiner Mannschaft angewiesen"

Interview mit Tobias Peter und Gordon Repinski.
Veröffentlicht: 
Berliner Zeitung, 21.06.2019
Thema: 
Bundestagsfraktion

Herr Mützenich, hätte jemand vor einem Jahr gesagt, Sie würden Vorsitzender der Bundestagsfraktion, was hätten Sie erwidert?

Das hätte mich überrascht. Und ich hätte sicher geantwortet, dass das unwahrscheinlich ist.

Wie viel Ihres legendären Vorgängers Herbert Wehner steckt in Ihnen?

Ich kenne natürlich die Erzählungen über Herbert Wehner als Zuchtmeister. Dieser Begriff und diese Rolle passen sicher nicht mehr in die heutige Zeit und schon gar nicht auf mich. Aber Wehner hat der Fraktion Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit gegeben. Beides möchte ich gerne auch für unsere Fraktion stärken: Kompetenz und Selbstbewusstsein. Dort, wo die Abgeordneten Fachpolitiker sind, sollen sie mehr Gewicht bekommen.

Seit Monaten schwelt der Streit um die Grundrente. Einigt sich die Koalition?

Die Grundrente stärkt den Zusammenhalt in unserem Land. Sie ist Ausdruck des Respekts für die, die 35 Jahre lang für kleine Löhne gearbeitet haben, betroffen sind größtenteils Frauen. Es geht um Anerkennung und den Wert der Arbeit. Es gibt in der Union dazu unterschiedliche Stimmen. Wenn Sie die Vertreter vom sozialpolitischen und wirtschaftspolitischen Flügel hören, ist nicht ersichtlich, ob die Union ein gemeinsames Konzept hat. Wir haben eins. Und am Ende geht es um eine vernünftige Lösung für eine der bedeutendsten sozialpolitischen Fragen dieser Zeit.

Die SPD sucht eine neue Spitze. Sind Sie für eine Mitgliederbefragung?

Das Verfahren liegt jetzt in den guten Händen der drei kommissarischen Parteivorsitzenden. Die breite Beteiligung der Mitglieder ist bereits jetzt beachtlich. Mehr Mitbestimmung von Mitgliedern ist in jedem Fall notwendig und sinnvoll, um den Zusammenhalt zu stärken. Auch der Wettbewerb von Personen, der dann mit Themen verknüpft ist, kann uns als Partei sehr helfen. Es war durchaus eine große Stärke der SPD, die Mitglieder über den Koalitionsvertrag abstimmen zu lassen.

Fänden Sie es legitim, wenn Kevin Kühnert sich als Juso-Chef um den Parteivorsitz bewerben sollte?

Es ist ein offenes Verfahren. Wir haben viele in der SPD, die sich auf ihre Art einbringen wollen und jede Bewerbung ist legitim. Wenn Kevin Kühnen sich den Parteivorsitz zutraut, ist das seine Entscheidung.

Die Grünen sind bei jungen Wählern im Vorteil gegenüber der SPD. Sind es die Themen oder der frischere Habitus?

Wenn der Erfolg der Grünen eine Frage des Habitus ist, kann ich dem nicht folgen. Mir entzieht sich die Logik, warum ein Loch in der Socke jemanden zu einem besseren Politiker machen soll. Ich muss den Erfolg der Grünen akzeptieren. Aber die

Grünen verlieren an Glanz, wenn sie regieren. In der Flüchtlingspolitik gibt es deutliche Unterschiede zwischen dem, was die Grünen auf Bundesebene fordern, und dem, was sie in Landesregierungen tun.

Ist Robert Habeck der coole Typ, der der SPD momentan einfach fehlt?

Am Ende kommt es auf Themen und Inhalte an - und nicht nur auf das Auftreten.

Im Fußball ist schon mancher Interimstrainer dauerhaft geblieben. Wäre das auch für Sie als Fraktionschef vorstellbar?

Der Fußballtrainer ist auf das Zusammenspiel mit seiner Mannschaft angewiesen. Ich bleibe kommissarischer Vorsitzender bis zu den Neuwahlen des Fraktionsvorstands im September. Wo danach mein Platz ist, werden wir sehen.

Wir sprechen hier im Büro des Fraktions-Vize, es liegt etwas weiter entfernt vom Reichstagsgebäude. Ist es eine bewusste Entscheidung, dass Sie hier geblieben sind?

Ja, es ist eine bewusste Entscheidung. Ich bin als stellvertretender Fraktionsvorsitzender von meiner Fraktion gebeten worden, die Geschäfte zu führen. Gewählt bin ich als Stellvertreter, nicht als ordentlicher Fraktionschef. Es tut auch ganz gut, einen etwas weiteren Weg zum Reichstag zu haben. Frische Luft kann einen klaren Kopf schaffen.

Wenn die Kollegen in der Fraktion Sie bitten würden, auch regulärer Fraktionschef zu werden, würden Sie es also tun?

Ich konnte noch nicht mit allen 151 Abgeordneten der Fraktion reden. Aber ich werde versuchen, mit allen zu sprechen. Und ich höre mir ihre Vorschläge gern an.