„Also, junger Mann. Dann machen Sie sich mal Gedanken darüber, dass dieSiegburger Straße hier endlich eine Blitzampel bekommt“, sagt dieältere Dame am Poller Markt. „Ich war letzte Woche in der Eifel. Dahabe ich zwölf Kästen gezählt. Hier darf jeder machen, was er will.“Der junge Mann zückt brav seinen Notizblock und notiert, kann seinerpotenziellen Wählerin aber kaum Hoffnungen machen. Auch einSPD-Bundestagsabgeordneter Martin Dörmann wird die von OB FritzSchramma eingeleitete Wende in der Verkehrsüberwachung nicht rückgängigmachen.
Aufatmen bei den Genossen zum Auftakt des Straßenwahlkampfs. Sie habendas Schlimmste befürchtet, doch die Spendenaffäre spielt beim „Bürgervor Ort“ so gut wie keine Rolle. Eher schon bei den Helfern, die, wieBärbel Seidel an diesem Samstag in Poll, zum größten Skandal, der dieKölner SPD je erschüttert hat, ihre ganz eigene Meinung haben. Sie seianfangs ziemlich frustriert gewesen, sagt sie: „Wenn man hier unten aufder Straße steht und sieht, was die da oben für einen Mist gebauthaben.“ Eins steht für Bärbel Seidel unwiderruflich fest: „Die müssenalle raus. Sonst wird das der letzte Wahlkampf, den ich in 20 Jahrenfür die SPD gemacht habe.“ Vor allem für Ratsherr Karl-HeinzSchmalzgrüber, der trotz seiner Verstrickung in die Affäre keinenGedanken an Rückzug verschwende, hat sie kein Verständnis: „Der Mannschadet uns noch ein zweites Mal.“
In Ehrenfeld hat der für Werner Jung nominierte Ersatzkandidat RolfMützenich mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Sein Kontrahent vonder CDU heißt Rolf Bietmann, hat einen hohen Bekanntheitsgrad undMützenich muss aus dem Stand Wahlkampf machen. Auf dem Straßenfest inEhrenfeld fehlt das Kandidatenblatt, die Plakate hat er zum Großteilaus der eigenen Tasche finanzieren müssen. „Sie wissen doch, dass dieKölner SPD kein Geld mehr hat.“ Und auch wenn es recht unwahrscheinlicherscheint, dass der Wahlkreis Ehrenfeld, Nippes, Chorweiler angesichtseines mehr als 20-prozentigen Vorsprungs der SPD verloren geht, weißMützenich, dass sein sicher erscheinender Einzug in den Bundestagallein nichts bringt. Wenn Schröder weiter Kanzler bleiben soll, mussKöln das Ergebnis von 1998 wiederholen. Das wird hart, weiß Mützenich,der dankbar ist, dass Landeschef Harald Schartau und GeneralsekretärFranz Müntefering ihn noch unterstützen werden: „Als Kandidat werde ichversuchen, möglichst überall präsent zu sein.“ Wohl wissend, dass „ichallein nicht viel bewegen kann“.
Wahlkämpfe werden längst nicht mehr auf der Straße entschieden, weißauch der Bundestagsabgeordnete Ernst Küchler, verteilt im SprengelMülheim seines neuen Wahlkreises auf dem Markt am Wiener PlatzVisitenkarten. „Mein Name ist Ernst Küchler. Ich bin Ihr Kandidat.Rufen Sie mich an, wenn Sie etwas wissen möchten.“ Die Bürgerinitiative„Pro Küchler“ unterstützt ihn mit einem aus Pappkartonszusammengeklebten Wahlstand. Rot-weiße Küchler-Kugelschreiber ausPlastik als Wahlaufruf für den 22. September - mehr ist nicht drin.„Nicht nötig, ich bin schon ein Fan von Ihnen“, sagt ein älterer Herr,als Küchler ihm eine Karte in die Hand drücken will. Und tröstet ihn:„Die Schwarzen machen das auch nicht besser.“ Da hat Martin Dörmann inPoll sich ganz andere Sachen anhören müssen. „Wissen Sie, was die Leutesagen“, belehrt ihn eine resolute Mitfünfzigerin: „Lieber eineSepplhose als diesen arroganten Schröder.“ Da kann der junge Mann, derunbedingt in den Bundestag will, nur noch schmunzeln.
Kölner Stadt-Anzeiger, 11.08.2002



