Berlin/Frankfurt/Tel Aviv - Israel hat gegen Literaturnobelpreisträger Günter Grass wegen seines israelkritischen Gedichts ein Einreiseverbot verhängt. Die Regierung erklärte ihn am Sonntag zur Persona non grata, bestätigte ein Sprecher des Innenministers Eli Jischai. „Ich sehe es als Ehre an, ihm die Einreise ins Heilige Land zu verbieten“, sagte der israelische Innenminister Eli Jischai am Sonntag. Aus israelischer Sicht hat der Literaturnobelpreisträger mit seinem israelkritischen Gedicht eindeutig eine rote Linie überschritten. Der Innenminister von der strengreligiösen Schas-Partei will in der heftigen Debatte um Grass auch keine Grautöne geltenlassen - der Intellektuelle ist für ihn mit seinen Äußerungen vollständig in die Kategorie „Nazi“ gerutscht.
Der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rolf Mützenich, hat das von Israel gegen den Literaturnobelpreisträger Günter Grass verhängte Einreiseverbot scharf kritisiert.
„Die Reaktion der israelischen Regierung ist unangemessen und wird dem Thema nicht gerecht“, sagte Mützenich Handelsblatt Online. Nötig sei vielmehr eine sachliche Auseinandersetzung mit den Thesen von Grass. „Ein demokratisches und pluralistisches Land wie Israel kann auch kontroverse Meinungen ertragen, zumal die Ansichten von Günter Grass nicht antisemitisch sind“, betonte der SPD-Politiker.
„Wenn jetzt dieser Schritt mit der SS Vergangenheit von Günter Grass begründet wird, hätte die israelische Regierung das Einreiseverbot mit Bekanntwerden seines Verhaltens als 17-Jähriger erlassen müssen“, sagte Mützenich weiter. „Jetzt erscheint es als eher Zeichen der Hilflosigkeit.“ Umso deutlicher werde, dass es klüger sei, zwischen Israel und seiner Regierung zu unterscheiden.
Grass hatte in seinem am Mittwoch veröffentlichten Gedicht „Was gesagt werden muss“ angeprangert, dass der Iran von einem atomaren Präventivschlag durch Israel bedroht sei, der das iranische Volk auslöschen könne. Er warf Israel vor, als Atommacht den Weltfrieden zu gefährden. Das Gedicht hatte ihm im In- und Ausland den Vorwurf des Antisemitismus eingebracht. Grass hatte sich verteidigt und seinen Kritikern Hass und eine Kampagne gegen ihn vorgeworfen.
Auch der Grünen-Politiker Volker Beck hat die harte Reaktion der israelischen Regierung auf ein umstrittenes Gedicht des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass scharf kritisiert. „Ein Einreiseverbot für Grass halte ich für überzogen und falsch. Es passt zu der Linie der aktuellen israelischen Regierung und wie sie mit Kritik und Streit auch im eigenen Lande umgeht“, sagte der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Bundestagsfraktion Handelsblatt Online. „Das ist unsouverän und demokratisch nicht klug. Ich hoffe, dass man das noch einmal überdenkt.“
„Den Literaturnobelpreis aberkennen“
Beck sagte dazu, er könne die Verärgerung in Israel gut verstehen. „Grass zeigt sich ignorant gegenüber der tatsächlichen Bedrohung Israels durch den Iran, den ständigen Angriffen auf Israels Staatsgebiet durch Raketen aus dem Gaza-Streifen und die Infragestellung seines Existenzrechtes durch den Iran und seinen Verbündeten in der Region.“ Zudem habe sich Grass als „vermeintlicher Tabubrecher eines Israelkritik-Verbotes geriert und sich damit eines antisemitischen Propagandainstruments bedient.“ Das rechtfertige alles eine „harsche Kritik aus Israel und in Deutschland“, fügte der Grünen-Politiker hinzu.
Innenminister Jischai sagte im israelischen Rundfunk auch, man müsse dem 84-Jährigen nun eigentlich den Literaturnobelpreis aberkennen. Der von orientalischen Juden abstammende Politiker verglich Grass' Äußerungen mit der antisemitischen Hetze, die letztlich zum Holocaust geführt habe. „Man kann angesichts solcher Worte einfach nicht schweigen“, sagte er. Mit deutlicher Abscheu sprach Jischai von Grass als einem „antisemitischen Menschen“ und „einem Mann, der eine SS-Uniform getragen hat“.
Nach Angaben seines Sprechers sagte Jischai weiter, das Gedicht von Grass habe darauf abgezielt, „das Feuer des Hasses auf den Staat Israel und das Volk Israel anzufachen“. Grass wolle so „die Idee weiterbringen, die er früher mit dem Tragen der SS-Uniform offen unterstützt hat“. Außerdem erklärte Jischai: „Wenn Günter Grass weiter seine verqueren und lügnerischen Werke verbreiten will, sollte er dies vom Iran aus tun, dort kann er sicher ein begeistertes Publikum finden.“
Grass war zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Auch das Auswärtige Amt in Berlin äußerte sich zunächst nicht.
Der israelische Außenminister Avigdor Lieberman kritisierte Grass allerdings nach Rundfunkangaben scharf. Bei einem Treffen mit dem italienischen Regierungschef Mario Monti habe er gesagt, die Äußerungen von Grass seien ein Ausdruck des Zynismus. Intellektuelle wie er seien bereit, „Juden auf dem Altar der Antisemiten zu opfern“.
„Ein ekelhaftes Gedicht“
Es ist nicht das erste Mal, dass Israel Ausländern als „Strafe“ für kritische Äußerungen die Einreise verbietet. Der jüdische Linguistik-Professor Noam Chomsky aus den USA etwa saß vor zwei Jahren an der Grenze in Jordanien fest. Im vergangenen Sommer hinderte Israel mehrere hundert pro-palästinensische Aktivisten daran, ins Westjordanland zu reisen.
Im Oktober 2010 wies Israel die irische Friedensnobelpreisträgerin Mairead Maguire nach einwöchiger Internierung aus. Sie war nach Israel gereist, um sich mit israelischen und palästinensischen Friedensaktivisten zu treffen.
Der Dirigent Daniel Barenboim hatte 2001 ein Tabu gebrochen und Musik des in Israel wegen seiner antisemitischen Ansichten verpönten Komponisten Richard Wagner gespielt. Daraufhin gab es zahlreiche Forderungen, ihn zur unerwünschten Person zu erklären - was jedoch letztlich nicht passierte.
Mit dem Einreiseverbot gegen Grass scheint es Jischai sehr ernst zu sein. Er glaube zwar nicht, dass der Schriftsteller gegenwärtig überhaupt Pläne habe, nach Israel zu reisen, sagte er. „Aber ich werde ihn zur unerwünschten Person machen, auch wenn er kommen will.“
Doch auch in Deutschland ging die Kritik an dem 84-Jährigen weiter. In einem Beitrag für die „Bild am Sonntag“ schrieb Außenminister Guido Westerwelle: „Israel und Iran auf eine gleiche moralische Stufe zu stellen, ist nicht geistreich, sondern absurd.“ Westerwelle (FDP) schrieb in seinem Gastbeitrag unterdessen: „Iran verweigert völkerrechtswidrig seit Jahren umfassende Zusammenarbeit bei der Kontrolle seines Nuklearprogramms.“ Und er warnte: „Denen, die das auch jüngst nicht wahrhaben wollten, sei gesagt: Das alles ist keine Spielwiese für Polemik, Ideologie und Vorurteile, sondern bitterer Ernst.“ Iran habe das Recht auf eine zivile Nutzung der Atomenergie. Es habe nicht das Recht auf atomare Bewaffnung. „Wer die davon ausgehende Bedrohung verharmlost, verweigert sich der Realität.“
Auch Schriftstellerkollegen kritisierten Grass: Rolf Hochhuth schrieb von Scham, Daniel Jonah Goldhagen warf Grass vor, er bediene Klischees und Vorurteile. Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki sagte der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, es sei „ein ekelhaftes Gedicht“, das politisch und literarisch wertlos sei. „Der Iran will Israel auslöschen, das kündigt der Präsident immer wieder an, und Günter Grass dichtet das Gegenteil“, sagte Reich-Ranicki, der als polnischer Jude nur knapp der Deportation in die deutschen Vernichtungslager entging.
Unterstützung von Biermann und bei Ostermärschen
Der Schriftsteller Wolf Biermann verteidigte Grass „im Namen der Meinungsfreiheit“, sein Israel-Gedicht aber bezeichnete er als „literarische Todsünde“. In der „Welt am Sonntag“ schreibt der Liedermacher, „wenn dem Künstler keine originellen Ideen mehr kommen, versucht mancher sich an einem künstlichen Tabubruch wie Grass“.
Mit vielfacher Unterstützung für Günter Grass sind die traditionellen Ostermärsche am Sonntag fortgesetzt worden. Es gebe kein Recht auf Präventivkriege und Erstschläge, betonte die bundesweite Informationsstelle Ostermarsch in Frankfurt am Main. Dies hätten auch viele Redner bei Ostermarsch-Kundgebungen betont. Die Friedensbewegung teile die Auffassung, dass die Nahost-Region umfassend demilitarisiert werden müsse.
„Was Grass angestoßen hat, kann nicht als antisemitisch unter den Teppich gekehrt werden“, betonte der Sprecher der Informationsstelle Ostermarsch, Willi van Ooyen. „Es war ein richtiges Wort von Grass“, sagte er zu dem umstrittenen Gedicht des Literatur-Nobelpreisträgers, in dem dieser Israel vorgeworfen hatte, den Weltfrieden zu gefährden.
Der Iran allerdings hat das Israel-kritische Gedicht des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass begrüßt. In einem von den iranischen Medien am Samstag zitierten Brief an den „bedeutenden Schriftsteller“ lobte Vize-Kulturminister Dschawad Schamakdari den 84-Jährigen, er habe mit seinem Gedicht „die Wahrheit gesagt“. Er hoffe, die Kritik werde „das eingeschlafene Gewissen des Westens aufwecken“, schrieb Schamakdari weiter.
„Ich habe Ihr warnendes Gedicht gelesen, das auf so großartige Weise Ihre Menschlichkeit und Ihr Verantwortungsbewusstsein zum Ausdruck bringt“, heißt es in dem Schreiben des stellvertretenden iranischen Kulturministers an Grass weiter. „Mit ihrer Feder allein können Schriftsteller Tragödien eher verhindern als Armeen.“
Handelsblatt online, 08.04.2012



